Wein in der Antike – Rituale, Kulte und Genuss

Wein hatte in fast allen antiken Kulturen eine große Bedeutung. Er war sogar nicht nur ein Genussmitteln, sondern hatte sogar religiöse und kultische Bedeutung.

Heute geht’s also wieder um ein Nahrungsmittel. Und nachdem wir uns schon mit der Olive und dem Brot befasst haben, machen wir die mediterrane Trias voll.

Die bitte was? Die „mediterrane Trias“. Damit bezeichnet man die drei Lebensmittel, die die Ernährung der Menschen im Mittelmeerraum über Jahrhunderte und Jahrtausende prägten: Getreide, Oliven und Wein. Und auch über den Wein kann man so einiges erzählen. 

Ein Rauschmittel mit Tradition 


Aus solchen großen Gefäßen trank man in Griechenland Wein. Attische Kylix, um 500 v. Chr., Foto: ChrisO, CC BY SA 3.0

Nach allem, was wir wissen, wurden Weintrauben zum ersten Mal vor 6.000 Jahren vom Menschen angebaut. Und das in einer Region, die heute den wenigsten im Zusammenhang mit diesem Getränk in den Sinn kommen würde, nämlich Georgien. Und soweit man es archäologisch nachweisen kann, hat sich der Anbau von Wein und die Verarbeitung relativ schnell über die gesamte  Region Mittelasien, Persien und den Vorderen Orient bis nach Griechenland verbreitet.1

Übrigens, nutzloses Wissen am Rande: Die Stadt Shiraz im Iran galt in der Antike als der Ort mit dem besten Wein der ganzen Region. Die nach ihr benannte Rebsorte kennt heute noch jede*r, der*die regelmäßig Wein kauft und trinkt.2

Der Wein hatte und hat also eine ziemlich lange Tradition, auch wenn er heute wie damals nur ein Rauschmittel unter mehreren war. Da kommt man in das weite Feld der Drogen in der Antike. Dass man in dieser Epoche nicht nur Alkohol als berauschendes Mittel kannte, ist schon lange bekannt. 

Man denke an die berühmten Lotophagen in der Odyssee, die sich an ihrem Lotus berauschten.3 Drogen spielten also schon von Anfang an in der Antike eine Rolle. Allerdings tut sich die Forschung schwer zu ermitteln, um welche Stoffe es sich jeweils genau handelte. Die Bezeichnungen sind nicht immer ganz eindeutig zu lesen. Wenn der Dichter Ovid vom „Kraut des Vergessens“4 spricht, vermutet man heute dahinter möglicherweise Opium (externer Link, Spiegel Online). Ganz sicher sagen kann man das aber nicht.

Geographische Vorlieben

Nur beim Alkohol sind wir ziemlich gut im Bilde. Der wurde konsumiert, und zwar nicht zu knapp. Da man in der Antike die Technik des Destillierens von Alkohol noch nicht kannte, war der Wein das Mittel der Wahl, um sich zu berauschen. 

Natürlich gab es auch noch das Bier, aber hier scheint es eine klare Trennung der Kulturräume gegeben zu haben. Während man in Germanien, aber auch in Ägypten und Mesopotamien eher auf den Hopfensaft setzte, trank man im Mittelmeerraum gepflegt den einen oder anderen Becher Wein. Das hat natürlich mit den Anbaubedingungen zu tun. 

Doch auch in späteren Zeiten, als alle diese Gebiete Teil des römischen Reiches waren und es möglich war, Wein über große Distanzen zu transportieren, blieb die Trennung bestehen. Die kulturelle Prägung war offenbar sehr hartnäckig. Und im Grunde ist das ja bis heute so. Die Deutschen sind nicht unbedingt für ihren hohen Weinkonsum bekannt. Und das deutsche Wort „Wein“ ist auch im Kern gar kein germanisches Wort, sondern geht auf das lateinische Wort „vinum“ zurück. 

Gelage in der Antike

Für die Antike war der Wein mehr als ein Rauschmittel. Er wurde auch als Heilmittel eingesetzt, meist mit Zusätzen wie bestimmten Kräutern. Hauptsächlich wurde er aber natürlich im Rahmen von Feiern konsumiert. Perfektioniert wurden diese Feiern (man spricht auch von „Gelagen“) von der griechischen Oberschicht, in der ein solcher Anlass συμπόσιον (sympósion) hieß.5 Sogar berühmte literarische Werke trugen diese Bezeichnung im Titel, wie Platons Symposion. 

Die Bandbreite dessen, was so ein Symposion ausmachte, war breit gestreut. Es war ein Anlass, bei dem sich Männer (Frauen waren in der Regel nicht zugelassen) trafen, sich von Musiker*innen, Akrobat*innen oder ähnlichen Künstler*innen unterhalten ließen und sogar relativ hochgeistige Gespräche führten. 

Das ist zumindest das Bild, das man so gemeinhin von einem griechischen Symposion hat. Und es spiegelt sich noch heute in der Verwendung des Begriffs wider. Im wissenschaftlichen Umfeld spricht man gern von einem Symposion (oder latinisiert „Symposium“), wenn sich Gelehrte treffen und über hochtrabende wissenschaftliche Fragestellungen debattieren.

Anspruch und Wirklichkeit


Dieses Bild zeigt vielleicht einen etwas realistischeren Ausschnitt eines Symposions. (attische Kylix, um 500 v. Chr., unbekannter Fotograf)

Die Realität bei einem antiken Symposion war aber dann wohl doch eine etwas andere, als diese Tradition vermuten lässt. Selbstverständlich war der eine oder andere ziemlich besoffen bei einem solchen Abend. Trinkspiele taten ihr Übriges, um dazu beizutragen. Die erwähnten Musiker*innen oder Tänzer*innen waren nicht selten das, was wir vielleicht heute Edelhuren nennen würden. Und die hochgeistigen Gespräche waren dann am Ende wohl in 90% der Fälle längst nicht so hochtrabend, wie es unser verklärtes Bild auf die Antike will. 

Aber immerhin eine Sache unterschied das  Symposion deutlich von heutigen Privatpartys, und das war die starke Ritualisierung, zumindest in der Oberschicht.

Es gab eigens einen Symposiarchen, eine Art „Vorsitzenden“ des Gelages. Er bestimmte unter anderem das Thema, über das man sprechen wollte. Im Fall von Platons Symposion ist das das „Wesen der Liebe“. Wie gesagt: In den allermeisten Fällen darf man sich das Ganze aber wohl viel weniger philosophisch vorstellen.

Die Symposien dienten häufig auch einfach dazu, innerhalb einer aristokratischen Oberschicht „Networking“ zu betreiben und Politik zu machen. Der Symposiarch bestimmte aber noch eine zweite, wichtige Sache, nämlich das Mischungsverhältnis des Weins.

Über die Kunst des gepantschten Weins

Wein wurde weder bei den Griechen, noch später bei den Römern, ungemischt genossen, sondern stets mit Wasser (oder Eis) verdünnt. Ungemischten Wein zu trinken, galt als unkultiviert und barbarisch. Die Forschung geht davon aus, dass der Wein der Antike stärker war als heute und beinahe schon einem Likör ähnelte. Verständlich, dass man ihn dann pantschte.6

Übrigens pantschte man auch sonst ganz gern: Unterschiedliche Sorten, wie Weiß- oder Rotwein wurden gern gemischt. Die Weinliebhaber*innen unter euch kann ich bis hierhin aufschreien hören. Aber was spricht dagegen? Wenn es doch schmeckt? 

Hier zeigt sich ein ziemlich interessanter gesellschaftlicher Unterschied. Es gibt einfach so ein paar Lebens- und Genussmittel, die die Aura eines heiligen Kulturguts um sich haben. Dazu zählt der Wein, aber es gibt ja auch die Bier-Purist*innen. Tee ist auch so ein Getränk. Und Nutella. Ob man Nutella mit oder ohne Butter genießen soll, ist auch ein ziemlich heißes Eisen.  

Leider kommt es für die Weinfreund*innen unter euch aber noch dicker. Man setzte dem Wein nämlich auch gern alle möglichen Sachen zu, zum Beispiel Honig oder Rosenblüten. Und nein, das ist nicht zu vergleichen mit Ballermann-Tourist*innen, die Rotwein mit Cola mischen. Solche Mischungen gehörten auch in den so genannten „gehobenen Kreisen“ der griechischen und römischen Gesellschaft zum guten Ton. 

Rausch und Ekstase

Der Wein hatte aber auch große Bedeutung im Bereich religiöser Kulte. Das gilt auch für andere Rauschmittel. Immerhin rätselt die Forschung bis heute, ob die Priesterinnen des berühmten Orakels von Delphi möglicherweise unter Drogeneinfluss standen, wenn sie ihre Prophezeiungen tätigten.7

Aber eben auch der Wein spielte eine ganz gewaltige Rolle in diversen Kulten. Es gab ja sogar einen eigenen Gott, der für ihn zuständig war: Dionysos, der auch Bakchos genannt wurde. Sein römisches Gegenstück hieß Liber. Aber dieser Name wurde später von der lateinischen Form für Bakchos, nämlich „Bacchus“ verdrängt. Klingt etwas kompliziert, und soll uns auch hier nicht weiter interessieren. 

Im Rahmen von Kulthandlungen für den Gott Dionysos spielte Wein aus nachvollziehbaren Gründen eine große Rolle, und das war übrigens unabhängig vom Geschlecht. Aufgrund der Überlieferungslage, die uns nur ein sehr lückenhaftes Bild dieser Kulte bietet, sind uns sogar vor allem Gruppen von Frauen bekannt, die solche Riten praktizierten. Ihnen hat unter anderem der Tragödiendichter Euripides mit seinem Drama Βάκχαι („Die Bakchen“) ein Denkmal gesetzt, das bis heute auch das Bild der modernen Forschung prägt.  

Der Alkoholrausch als übernatürliches Wunder


Der Gott Dionysos (Mitte) im Gespräch mit Hermes. Dionysos trägt einen Kantharos, ein spezielles Trinkgefäß, das hauptsächlich bei kultischen Riten zum Einsatz kam. Foto: Matthias Kabel, CC BY-SA 3.0

Ziel des Weingenusses war es dabei (wie wir heute sagen würden) gezielt besoffen zu werden – und zwar so richtig besoffen. Die Menschen der damaligen Zeit sahen darin aber eine Möglichkeit, in Ekstase zu geraten und somit eine höhere Wahrnehmungs- oder Bewusstseinsstufe zu erreichen. Diese Bewusstseinsstufe wurde als göttlich inspiriert angesehen. 

Um das zu verstehen, muss man vielleicht mal unser modernes Wissen über die Wirkung von Rauschmitteln und Neurotoxinen hinter sich lassen. Man stelle sich einmal vor, man wüsste nichts oder nicht viel über die Funktionsweise des Gehirns und des Nervensystems. Und man wüsste auch gar nicht, dass es eine Substanz namens Alkohol überhaupt gibt, die dieses sensible System beeinflussen kann. 

Ohne dieses Wissen muss einem ein Alkoholrausch  wie eine Art Wunder vorkommen. Man kann es sich ja einfach überhaupt nicht erklären, wie die Aufnahme eines Getränks solche Wirkungen nach sich ziehen kann. Es ist daher durchaus nachvollziehbar, dass frühere Kulturen darin das Wirken übernatürlicher Mächte sahen – ob nun Gottheiten, Geister oder sonst etwas. 

Alkoholgenuss und die Folgen 

Natürlich wäre es ziemlich naiv anzunehmen, dass es in der Antike noch keine Probleme mit übermäßigem Alkoholkonsum gab. Wir können aber auch aus unserer heutigen Perspektive noch ganz gut nachvollziehen, wie schwierig es ist, Alkoholismus (und andere Suchterkrankungen) als Krankheit zu verstehen und nicht nur als schlechte Angewohnheit. 

Ähnliches gilt auch für die Antike. In der römischen Komödie machte man sich über betrunkene und auch trunksüchtige Charaktere lustig, genauso, wie es heute noch oft passiert. Die Mahnungen vor übermäßigem Alkoholgenuss in der antiken Literatur sind zahlreich zu finden. Viele davon behandeln dieses Phänomen als charakterliche Schwäche.

Aber es gab auch Stimmen, die etwas anders auf das Problem schauten. Als Cicero im Rahmen seiner „Gespräche auf Tusculum“ dazu ansetzt, die stoische Philosophie und ihre Affektlehre auseinanderzunehmen, kommt er auf seelische Erkrankungen zu sprechen. Neben Jähzorn und Angstzuständen steht dort auch: die Alkoholsucht.8

Man war sich also durchaus bewusst, dass Alkoholsucht mehr war, als eine Marotte, die man einfach so ablegen konnte. Natürlich fehlte in der Antike das Verständnis für die biochemischen und psychischen Vorgänge, die zu einer Suchterkrankung führen. Aber immerhin gab es schon den Gedanken, dass es sich um ein „Leiden“ handelte, das Betroffene durchaus auch gern loswerden würden, wenn sie es nur könnten.

Alkohol auf dem Rückzug

Man merkt also: Einiges beim Umgang mit Wein kommt uns heute noch sehr vertraut vor. Wein-, oder etwas allgemeiner: Alkoholgenuss in geselliger Runde kennen wir natürlich auch. Und auch die Schattenseiten dieser „Volksdroge“ sind uns gut bekannt. 

Andere Dinge dagegen sind uns eher fremd geworden, wie zum Beispiel die starke Ritualisierung im Rahmen eines griechischen Symposions. Überhaupt herrscht heute doch allgemein die Auffassung vor, dass sich Alkohol und anspruchsvolle Gespräche nicht so gut vertragen.

Und auch wenn man an das politische Networking denkt, dem ein antikes griechisches Symposion oft diente, dann ist der Alkohol bei solchen Anlässen auch heute eher selten anzutreffen oder wird zumindest in Maßen genossen. Es sei denn, man heißt Leonid Breschnew und legt es darauf an, den amerikanischen Präsidenten unter den Tisch zu saufen. 

Was uns ebenfalls fremd geworden ist, ist die kultische Dimension. Heute trinkt wohl niemand mehr Wein oder anderen Alkohol in großen Mengen, um damit göttliche Inspiration zu erlangen. Aber im Grunde hat sich nur das Wahl des Mittels verändert: In der Hippie-Bewegung der 60er-Jahre und im einen oder anderen esoterischen Kreis sind Marihuana oder sogar synthetische psychoaktive Drogen an die Stelle des Alkohols getreten. 

  1. McGovern, Patrick et alii, Early Neolithic wine of Georgia in the South Caucasus, in: Proceedings of the National Academy of Sciences, 114 (48)
  2. J. Robinson (ed.), „Wine“, in: The Oxford Companion to Wine, S. 512-513, Oxford 32006
  3. Homer, Odyssee IX, 82–105
  4. Ovid, Metamorphosen VII,150
  5. vgl. dazu Michael Stahl, Gesellschaft und Staat bei den Griechen: Archaische Zeit, S. 63-73
  6. J. Robinson (ed.), „Wine“, in: The Oxford Companion to Wine, S. 326-329, Oxford 32006
  7. Joachim Schüring, Des Orakels Drogenquelle, Spektrum der Wissenschaft, 22.02.2001, hier online verfügbar
  8. Cicero, Tusculanae Disputationes IV,27

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